Selbstanzeige: Steuerflucht nach vorn (1. Teil)

Die Steuerberatung ist derzeit wohl einer der antizyklischten Geschäftszweige der Welt. Während der Bärenteil der Wirtschaft über die Rezession klagt, werden Experten in Sachen Steuerhinterziehung und Selbstanzeige förmlich mit Anfragen überflutet. “Im Vergleich zu den Vorjahren haben die Beratungen hinsichtlich Selbstanzeigen deutlich zugenommen”, sagt Steuerrechtler Andreas Grötsch von der Kanzlei Wannemacher & Partner in München. Manche Steuerrechtler sprechen von einer Verfünffachung innerhalb des vergangenen
Jahres.

Bekannte Deutsche, die medienwirksam wegen Steuerhinterziehung ins Schwitzen geraten, sind laut Fachanwälten der Hauptgrund dafür, dass Bürger ihre Schwarzgeldkonten freiwillig offenlegen. “Am meisten zu tun hatten wir in letzter Zeit, als die Zeitungen von dem Verdacht der Beihilfe zur Steuerhinterziehung gegen Verona Pooth berichteten”, sagt Lothar Pues von der DS Deutsche Steuerberatung. “Als der Fall Zumwinkel Anfang 2008 auf Seite eins der Massenmedien kam, wurden wir ebenfalls mit Arbeit zugedeckt.”

Solche Vorzeigefälle, so Pues, führen den Leuten die Gefahr vor Augen, die ihre nicht deklarierten Auslandskonten bergen. “Das ist viel wirksamer, als wenn Finanzminister Steinbrück in den Wirtschaftszeitungen wieder einmal über die Steueroasen debattiert.”

Dennoch: Ein Großteil der Drohkulisse rührt direkt von den Anstrengungen der deutschen Bundesregierung. Weil deren Einnahmen mau sind, soll Geld her. Und das schnell. Da ist es naheliegend, bei den heimischen Steuerhinterziehern zu graben. Denn diese sollen weltweit mehr als 480 Milliarden Euro Schwarzgeld bei Banken im Ausland bunkern. Dies ergab eine aktuelle Berechnung des Marketingunternehmens BBW auf der Basis von Schätzungen der deutschen Steuerfahndung, der Deutschen Steuergewerkschaft und der Deutschen Bundesbank.

Die höchsten Beträge liegen gemäß BBW-Studienautor Jörg Sieweck in der Schweiz. Dorthin sollen Deutsche bisher mehr als 170 Milliarden Euro transferiert haben. Auf die Eidgenossenschaft folgen Luxemburg mit 85 Milliarden und Österreich mit geschätzten 70 Milliarden Euro. Viel Geld also. Und ein guter Grund, um Steuersünder mit immer neuen Bestrebungen zur “Austrocknung der Steueroasen” durch automatische Steuerauskunft und Rechtshilfe bei einfacher Steuerhinterziehung erschaudern zu lassen.

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